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Wenn Worte nicht reichen – Modelllernen durch erleben - Warum wir mitlaufen müssen

claudianevoigt
13. Mai
4 Min. Lesezeit

Reittherapie im Wald: Modelllernen und Sicherheit durch gemeinsames Laufen
Reittherapie im Wald: Modelllernen und Sicherheit durch gemeinsames Laufen


Vom Winterschlaf in den Wald: Warum ich für mein Pony zur Herde werde


Die ersten wärmenden Sonnenstrahlen des Jahres haben es geschafft, mich aus dem Winterschlaf zu holen. Dennoch kostet es mich Überwindung, dem Drang nach „Couching“ zu widerstehen und mich auf die Anstrengung einzulassen, die mein Vorhaben heute fordert.

Seit die ersten Grashalme sprießen, ist der Weg zu meiner Stute länger geworden. Das Heu hat an Priorität verloren und die Herde verteilt sich auf der riesigen Fläche. Betty folgt mir wie immer in einer Art Trance, als wäre sie gerade aus dem Tiefschlaf erwacht. Ich weiß, was es für mein „Energie-Spar-Pony“ bedeutet, mit mir joggen zu gehen: Sie braucht Vorlauf, um sich physisch und mental darauf einzustellen.


Die „Allein-Herde“ im Wald: Warum Modelllernen Sicherheit gibt


Doch da ist noch eine viel entscheidendere Komponente: Betty ist rangniedrig. In der Natur verlässt sie sich auf den Schutz der Herde. Hier im Wald bin ich nun allein ihre Herde. Für ein Fluchttier ist das Unterholz voller Gefahren – hinter jedem Busch könnte ein Raubtier lauern.

Was braucht es also, um einem Pferd in dieser Situation Sicherheit zu geben? Und was hat das mit Erziehung zu tun?


Das Dilemma: „Tu, was ich sage, nicht was ich tue!“


In der Erziehung – ob bei Pferden oder Kindern – tappen wir oft in eine Falle. Wir verlangen vom Kind, ruhig zu sein, während wir selbst gestresst die Stimme erheben. Wir fordern vom Pferd Gelassenheit, während unser eigener Puls rast.

Dieser Widerspruch erzeugt Verunsicherung. Denn das Gehirn ist darauf programmiert, Handlungen mehr zu glauben als Worten.

Die Lösung: Warum wir für unser Gegenüber zum Modell werden müssen

Genau hier setzt die sozial-kognitive Lerntheorie von Albert Bandura an. Er wies nach, dass wir primär durch Beobachtung lernen – und zwar umso intensiver, je emotional aufgeladener eine Situation ist. Damit dieses „Lernen am Modell“ funktioniert, müssen wir vier Prozesse aktiv gestalten:


  1. Aufmerksamkeit: Das Gegenüber muss uns wahrnehmen. Wenn ich oben auf dem Pferd sitze, bin ich oft „unsichtbar“ oder nur ein Gewicht. Wenn ich daneben laufe, bin ich präsent und im Fokus.


  2. Behalten: Wir müssen ein klares, nachvollziehbares Bild vermitteln. Ein ruhiger Atemzug im Wald sagt mehr als tausend beruhigende Worte.


  3. Ausführung: Das Gegenüber muss das Verhalten nachahmen können. Ich laufe im selben Rhythmus wie Betty – ich mache es ihr machbar.


  4. Motivation: Es braucht ein Erfolgserlebnis. Wenn wir gemeinsam entspannt aus dem Wald zurückkehren, wächst die Selbstwirksamkeit – die tiefe Überzeugung: „Ich kann das bewältigen.“

 

Kompetenz in Aktion: Wenn ich mich verändere, verändert sich mein Gegenüber


Wenn ich mit Betty durch den Wald jogge, treffe ich eine bewusste Entscheidung gegen die „Macht durch Zwang“. Ich steige ab. Ich ziehe die Laufschuhe an. Ich werde selbst zum Modell.

Indem ich mit ihr laufe, meine eigene Anstrengung zeige und trotzdem Ruhe ausstrahle, vermittle ich ihr: „Ich kenne den Weg, ich kenne die Anstrengung und ich habe keine Angst.“ Betty sieht meinen Rhythmus, hört meinen Atem und übernimmt meine Sicherheit.


Warum Kinder (und Pferde) uns spiegeln


Für Eltern bedeutet das: Wir sind der biologische Kompass unserer Kinder. In unserer schnelllebigen Zeit verlangen wir oft Dinge, die wir selbst nicht vorleben.

  • Wir fordern Geduld, während wir hektisch den Schlüssel suchen.

  • Wir fordern Fokus, während wir selbst ständig aufs Handy schauen.

In diesen Momenten greift das Modelllernen ebenfalls – aber leider das falsche. Das Kind lernt nicht unsere Worte, sondern unsere Hektik. Pferde sind hier gnadenlose Spiegel: Sie reagieren sofort auf unsere innere Unruhe, egal wie leise wir „Steh“ sagen.

 

Mutter schließt entspannt die Augen auf einer Parkbank, während ihr kleiner Junge davor wütend schreit
Modelllernen in der Praxis: Selbstregulation vorleben, wenn das Gegenüber die Ruhe verliert.

Von Stresshormonen zu Sonnenstrahlen


Als Betty und ich nach unserem Lauf wieder am Stall ankommen, dampft ihr Fell in der kühlen Luft. Sie ist entspannt, sie kaut ab, sie vertraut mir. Wir haben gemeinsam geschwitzt und den Wald „bezwungen“.

Auch ich habe manchmal Angst im Wald. Die bloße Vorstellung von Gefahr lässt Stresshormone sprudeln. Doch hier liegt unsere Macht: Wir können entscheiden, unsere Wahrnehmung zu verändern. Warme Sonnenstrahlen statt dunkler Ecken. Musik auf den Ohren, um den eigenen Rhythmus zu finden und dem Modell (dem Kind oder dem Pferd) wieder Stabilität zu bieten.


Damit dieses Modelllernen nicht nur Theorie bleibt, kannst du heute mit kleinen Experimenten beginnen:


  • Der „Atem-Check“ in Stressmomenten: Wenn dein Kind (oder dein Team) unruhig wird, prüfe zuerst deinen eigenen Atem. Atme bewusst dreimal tief in den Bauch aus. Beobachte, wie sich die Energie im Raum allein durch deine körperliche Ruhe verändert.


  • Präsenz durch „Laufschuhe-Mentalität“: Wo forderst du etwas, das du nur „von oben herab“ delegierst? Steig metaphorisch ab. Setz dich zu deinem Kind auf den Boden, wenn es spielt, oder erledige eine Aufgabe gemeinsam auf Augenhöhe. Sei Teil der Herde, nicht der Treiber.


  • Der Fokus-Wechsel: Ersetze das „Lass das!“ durch ein positives Vorbild. Statt „Hör auf zu zappeln“, zeige bewusst, wie du dich selbst zur Ruhe bringst (z.B. durch kurzes Innehalten oder eine bewusste Pause).


Es gibt kein Patentrezept für die „richtige“ Erziehung. Aber es gibt die tägliche Entscheidung: Gemeinsam loslaufen, das eigene Handeln prüfen und dem Modelllernen vertrauen. Werden wir zu dem Vorbild, das wir uns für unsere Kinder wünschen.


Fangen wir bei uns an.


Hast du heute schon einen Moment erlebt, in dem du unbewusst zum Modell für andere wurdest? Schreib es mir in die Kommentare!

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